30 Jahre Urban Mining

Schon mal was von Urban Mining gehört? Auf Deutsch heißt das Stadtschürfung. Und die Frage ist nur, warum sie nicht längst die Regel ist bei Bauprojekten jeglicher Größe.

Ein Beitrag von Dipl.Ing. Hans-Ulrich Möbius, Geschäftsführer DMU Consult Ingenieurgesellschaft mbH

Hans-Ulrich Möbius im Einsatz auf der „Ehemaligen Bayernkaserne“.


Neue Wohnprojekte sind notwendig, um die Nachfrage nach urbanem Wohnraum besser und zukunftsweisender bedienen zu können.

Der Weg dahin über Rückbau des Altbestandes und Baufeldfreimachung, sowie Erschließung und Neubau ist meist teuer, wenig nachhaltig, und bezgl. Umwelt und Ökobilanzen (Transportwege, Beton-Herstellung, Deponievolumina…) sehr nachteilig für den Projektentwickler.

Die Vergangenheit hat es uns eigentlich bereits gelehrt: Bei Großprojekten wie dem Flughafen Riem oder der Alten Messe München fielen Millionen Tonnen an Bauschutt an. Bei der ehemaligen Bayernkaserne, wo derzeit Rückbau und Neubau hybrid und verzahnt ablaufen, sind es zwei Millionen Tonnen. Zwei Millionen Tonnen, die zum großen Teil vor Ort wieder eingesetzt werden könnten, statt in einer Deponie zu landen. Der Aspekt der Wiedergewinnung der vormals verbauten Werte, Urban Mining, steckt immer noch in den Kinderschuhen. Dabei sind die Vorteile und Erfolgsgeschichten leicht zu erläutern.

Schon in den 90ern integrierte DMU Recycling Maßnahmen bei der Transformation des Geländes Flughafen-Riem.




Maßstäbe für vorbildhafte Baufeldfreimachung gibt es schon lange

Bereits im Jahr 1991 hat die Stadt München in vorbildhafter Weise Maßstäbe für die Baufeldfreimachung gesetzt. Die wichtigste Forderung lautete, dass möglichst viel Bauschutt und Bodenmaterial vor Ort eingesetzt werden soll. Das ermöglichte auch Maßnahmen, deren Wirtschaftlichkeit anfangs überhaupt noch nicht beurteilt werden konnte: die Aufbereitung von Betonschutt zu einem qualitätskontrollierten Recyclat für den Straßenbau zum Beispiel. Die Widerstände gegen ein solches Material waren groß. Das sei doch nur B-Ware und sicher nicht so gut, war eine weit verbreitete Meinung. Doch allmählich sanken die Zweifel. Das Recyclat war hervorragend! Die Mitarbeiter der ausführenden Firmen befürworteten den Einsatz des neuen Materials und der Plan konnte erfolgreich umgesetzt werden. Die Nachhaltigkeit aller Maßnahmen wurde in einer Umweltverträglichkeitsuntersuchung nachgewiesen.

Auch der Umbau des Geländes der Alten Messe München wurde Dank Recycling-Maßnahmen umwelt- und ressourcenschonender organisiert.



In den folgenden Jahren wurde zwar weiter Bauschutt aufbereitet, die wirklichen Innovationen aber fehlten. Das sollte sich erst 30 Jahre später ändern. Zum Beispiel beim Pilotprojekt in Sachen Recycling auf dem Gelände der ehemaligen Bayernkaserne im Münchner Norden. Die Bayernkaserne ist die letzte große militärische Liegenschaft Münchens, die bebaut wird. Ein neues Stadtquartier soll hier entstehen. Im Jahr 2030 soll es fertig sein, nach einer Bauzeit von zehn Jahren. Die Baufeldfreimachung startete ganz konventionell. Bis zum Beginn des städtebaulichen Wettbewerbs in 2014 hätte sich das Gelände in einem baureifen Zustand befinden sollen. Es gab allerdings einige Hürden. Durch äußere Einflüsse wie die Instandsetzung von Unterkünften für die zeitweise Unterbringung von wohnungslosen Personen musste umgedacht und umgeplant werden. Gezwungenermaßen. Das hatte aber auch sein Gutes, denn der neu konzipierte Ablauf könnte zukünftig als beispielhaft gelten, wenn man folgende Punkte berücksichtigt:

Punkt 1

Mit der Planung der Baufeldfreimachung wird erst begonnen, wenn die städtebauliche Rahmenplanung bekannt ist.

Punkt 2

Abbrucharbeiten und Bodensanierung werden zeitlich gestreckt, um die Sekundärrohstoffe möglichst lang nutzen und die Materialmischungen mit unterschiedlichen Körnungen just in time an den Bedarf anpassen zu können.

Punkt 3

Im Bereich der Münchner Schotterebene wird der Aushubkies zu Gesteinskörnungen für die Betonherstellung aufbereitet. Somit können R-Betone mit unterschiedlichen Gehalten von rezyklierten Gesteinskörnungen hergestellt werden.

Punkt 4

Aus den örtlich erzeugten Gesteinskörungen werden R-Beton, Substrate und Schüttmaterialien für den Straßenbau hergestellt.

Mit diesem Punkteplan konnten Baufeldfreimachung und Neubau wirkungsvoll miteinander verzahnt werden. Es entstand eine beispielhafte Recyclingkonzeption. Von ungefähr 1,2 Millionen Tonnen Mineralstoffen werden 50 Prozent vor Ort als R-Beton, Substrate und Schüttmaterial eingesetzt. Die anderen 50 Prozent müssen entsorgt werden auf Grund ihrer Schadstoffbelastung. Aber auch hier ist in Zukunft noch Luft nach oben: Indem nämlich von Anfang an weniger bis keine Schadstoffe im neuen Bauzyklus verbaut werden. Ansätze und Projekte gibt es bereits einige. Es könnten jedoch noch viele mehr werden.